»
Türkei »
»

Studie des SÜDWIND-Instituts: Inakzeptable Probleme in türkischen Kleinbetrieben des Ledersektors

Inkota-Kampagne „Change Your Shoes“Im Sommer 2021 wurden Arbeiter*innen und Arbeitgeber*innen befragt, die in der Türkei Leder, Schuhe, Gürtel oder Taschen herstellen. Auch Expert*innen sowie Eltern von Kindern, die im Sektor arbeiten, kamen bei der Erhebung zu Wort. (…) Die Ergebnisse: Der Lohn der Arbeiter*innen reicht kaum zum Überleben. Viele der Arbeitenden sind derzeit Geflüchtete aus Syrien. Ihre finanzielle Situation ist so prekär, dass sie bereit sind, auch für ein ungenügendes Gehalt und zu miserablen Bedingungen zu arbeiten. Fast keine*r der Befragten hat einen Arbeitsvertrag. Die Arbeitszeit beträgt für Erwachsene oft zehn Stunden täglich mit nur einer Pause. Es gibt kaum Sicherheitsvorkehrungen, obwohl die Menschen mit Maschinen, Chemikalien und stinkendem Kleber arbeiten. Die Arbeitsplätze sind oft laut; es gibt keine Heizungs- oder Lüftungssysteme. Schutzausrüstung und Trainings zu sicherem Arbeiten fehlen. Auch gewerkschaftliche Organisation gibt es in diesem informellen Sektor kaum. Den meisten Befragten sind wichtige Normen und internationale Arbeitsrechte unbekannt, z.B. in Bezug auf Überstunden, Feiertage und Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Einige syrische, wie türkische Eltern berichten, dass ihre Kinder arbeiten, um etwas zum Haushaltseinkommen beizutragen. Die Studie zeigt auch, dass allein an die unmittelbaren Arbeitgeber*innen in der Türkei gerichtete Forderungen zu kurz greifen…“ Südwind-Pressemitteilung vom 05.10.2021 externer Link zur engl. Studie externer Link , siehe auch einen Artikel darüber:

  • Schutzlos schuften für Schuhe: Die Jobs in der türkischen Lederindustrie sind schlecht bezahlt und desolat. Das zeigt eine Studie der Nichtregierungsorganisation Südwind
    „Echtes Leder ist weltweit ein Luxusgut. Teure Taschen und Jacken oder schicke Lederschuhe haben in Zeiten von Plastik und Kunstleder ihren Preis. In krassem Kontrast dazu stehen die Arbeitsbedingungen der Menschen, die diese Luxusgüter herstellen. Neben Italien, wo sich die Herstellung hochpreisiger Lederschuhe in Europa noch halten konnte, hat sich die Produktion längst in Länder wie Bangladesch, Indien, Mexiko oder die Türkei verlagert. Kaum jemand kontrolliert, unter welchen Bedingungen die Menschen dort die Luxusgüter für die Reichen der Welt herstellen. Die deutsche Nichtregierungsorganisation (NGO) „Südwind“ hat jetzt in Zusammenarbeit mit türkischen Partnern eine Studie über die Bedingungen der „LederarbeiterInnen“ in dem Land vorgelegt. (…) Die NGO Südwind hat, verteilt über das ganze Land, 35 ArbeiterInnen ausführlich befragen lassen. Darunter waren Frauen und Männer, obgleich die Lederindustrie von Männern dominiert ist, sowie Türken und Migranten und Eltern, deren Kinder in der Lederindustrie arbeiten müssen. Insgesamt sind die Jobs miserabel bezahlt, kaum jemand bekommt mehr als den Mindestlohn von 2.300 Lira, das sind knapp 230 Euro. Nur einer der Befragten hatte einen regulären Vertrag, alle anderen arbeiteten ohne formelle Vereinbarung und damit ohne jede Absicherung. Nach Informationen der Lederarbeitergewerkschaft Deriteks können sich die Bezieher des Mindestlohns aber noch glücklich schätzen. Der größte Teil bekommt weniger, denn dieser Teil der Menschen, die in den zumeist kleinen Klitschen, in denen oft maximal zehn Leute arbeiten, sind Migranten, die zum Überleben jeden Job annehmen müssen. (…) Doch nicht nur der Lohn ist schlecht. Auch die Arbeitsbedingungen sind miserabel. In der Lederbearbeitung wird gesundheitsgefährdende Chemie verwendet, doch Arbeitsschutz ist weitgehend unbekannt. Für uns, sagte eine der befragten Frauen, ist es völlig normal, dass es am Arbeitsplatz stinkt, laut ist und die Arbeit an den Maschinen auch gefährlich sein kann. Schutzmaßnahmen gibt es aber in der Regel nicht. Wer sich fragt, wo die mittlerweile knapp vier Millionen syrischer Flüchtlinge in der Türkei eigentlich ihren Lebensunterhalt verdienen, bekommt durch die Studie eine Antwort. Im traditionellen Lederbearbeitungsbezirk Geditepe in Istanbul sind nach Angaben des Gewerkschaftssprechers mittlerweile 80 Prozent der Beschäftigten Flüchtlinge, meistens aus Syrien, aber auch aus Afghanistan oder dem Irak. Alle diese Leute arbeiten informell, für einen Hungerlohn von oft nicht einmal 100 Euro im Monat. Der Lohn wird wöchentlich bar bezahlt, manchmal gibt es aber auch gar nichts…“ Artikel von Jürgen Gottschlich vom 15. Oktober 2021 in der taz online externer Link
Kurzlink: https://www.labournet.de/?p=194299
nach oben