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»Vereint über Grenzen«: Amazon Workers International on Tour

express, Zeitung für sozialistische Betriebs- und Gewerkschaftsarbeit„»Vereint über Grenzen« stand in sieben Sprachen auf dem Banner, mit dem die Amazon Workers International (AWI) Ende September 2023 durch das deutsch-polnische Grenzgebiet tourten. Die Tour-Crew bestand aus aktiven und verrenteten Vertrauensleuten der ver.di, Kolleg:innen der polnischen Basisgewerkschaft Inicjatywa Pracownicza (Arbeiterinitiative, IP) und Unterstützer:innen. Vielsprachigkeit war bei der Tour ein zentrales Thema, denn in ihrem Rahmen wurden circa 15.000 Exemplare der neuen AWI-Zeitung The Amazon Worker in sechs verschiedenen Sprachen verteilt (deutsch, englisch, polnisch, russisch, arabisch und tigrinya). Die Texte wurden in weiteren Sprachen digital veröffentlicht und finden sich im Internet (spanisch, französisch und griechisch). Wir haben die Tour als Unterstützer:innen von und nach Leipzig begleitet. Im Folgenden wollen wir ein paar Eindrücke von der spannenden Reise teilen und auf die besondere Situation an den Standorten eingehen…“ Bericht vom Streiksolibündnis Leipzig in express – Zeitung für sozialistische Betriebs- und Gewerkschaftsarbeit 11/2023:

»Vereint über Grenzen«

Amazon Workers International on Tour –  ein Bericht vom Streiksolibündnis Leipzig[*]

 »Vereint über Grenzen« stand in sieben Sprachen auf dem Banner, mit dem die Amazon Wor­kers International (AWI) Ende September 2023 durch das deutsch-polnische Grenzgebiet tourten. Die Tour-Crew bestand aus aktiven und verrenteten Vertrauensleuten der ver.di, Kol­leg:innen der polnischen Basisgewerkschaft Inicjatywa Pracownicza (Arbeiterinitiative, IP) und Unterstützer:innen. Vielsprachigkeit war bei der Tour ein zentrales Thema, denn in ihrem Rahmen wurden circa 15.000 Exemplare der neuen AWI-Zeitung The Amazon Worker in sechs verschiedenen Sprachen verteilt (deutsch, englisch, polnisch, russisch, arabisch und ti­grinya). Die Texte wurden in weiteren Sprachen digital veröffentlicht und finden sich im In­ternet (spanisch, französisch und griechisch). Wir haben die Tour als Unterstützer:innen von und nach Leipzig begleitet. Im Folgenden wollen wir ein paar Eindrücke von der spannenden Reise teilen und auf die besondere Situation an den Standorten eingehen.

20. September: Leipzig Heiterblick

Die Tour begann am Abend des 20. September 2023 in Leipzig. Die Tourvorbereitungen hat­ten in den letzten Wochen einen großen Teil unserer Ressourcen gebunden. Die Hauptarbeit lag in der Vorbereitung der neun Zeitungsfassungen, bei der uns Kolleg:innen aus Polen, Deutschland und den USA zuarbeiteten. Unser Ziel war es, Arbeiter:innen in Deutschland und Polen über die AWI, über aktuelle Entwicklungen im Arbeitskampf und über die rechtlichen Spielräume gewerkschaftlicher Arbeit in den beiden Ländern aufzuklären. Das Angebot an ausführlichen Informationen zu diesen Themen in anderer als deutscher Sprache ist von Sei­ten der ver.di unserer Einschätzung nach ausbaufähig. Und wenn es sie irgendwo im Internet gibt, dann erreichen sie nicht die Belegschaften. An diesem Missstand wollten wir etwas än­dern und konnten dabei auf die Unterstützung lokaler ver.di-Hauptamtlicher zählen. Dafür möchten wir an dieser Stelle nochmal danken!

Am Abend des Tourstarts begannen wir auch gleich mit der Verteilung. Die Delegation be­suchte zusammen mit lokalen Vertrauensleuten und dem Streiksolibündnis zum Wechsel von der Spät- zur Nachtschicht den Standort in Leipzig Heiterblick, wo seit mittlerweile zehn Jah­ren ungefähr einmal pro Monat Streiks stattfinden. Doch die Stimmung ist derzeit angespannt und war es an diesem Abend noch einmal besonders: Seit der Schließung des Amazon-Stand­ortes in Brieselang diesen Sommer geht die Angst in der Belegschaft um, dass das zweitältes­te Warenlager Deutschlands (Eröffnung 2006) auch schließungsbedroht sein könnte. Am sel­ben Tag hatte ein Manager betriebsöffentlich verkündet, dass Leipzig Heiterblick der unpro­duktivste Standort im deutschen Netzwerk sei. Die Vertrauensleute werden sich zusammen mit ver.di in den kommenden Monaten Strategien überlegen müssen, wie man auf die Schlie­ßungsdrohungen reagiert. Dass ver.di die Betriebsratsmehrheit im Sommer 2022 verloren hat, macht es nicht einfacher, betriebspolitisch zu agieren (siehe express 7-8/2022, S. 9).

21. September: Airhub Leipzig

Am nächsten Morgen machte sich die Delegation auf zum Leipziger Flughafen, dem zweigrößten Frachtflughafen Deutschlands. Zu dem Zeitpunkt gab es noch keine Anzeichen, dass Amazon fünf Tage später die nächste Werksschließung verkünden würde. Das Amazon-Airhub soll am 13. November 2023 (nach Druck dieser Ausgabe, Anm. d Red.) geschlossen werden. An dem Standort arbeiteten zuletzt 150 Festangestellte und 250 Leiharbeiter:innen, wobei letztere vor allem aus Süd- und Osteuropa kamen. Dass es nicht zu Formen kollektiven Widerstands seitens der Beschäftigten kam, lässt sich mit dem Druck, der durch die Leihar­beitsfirma der GI-Group auf die Kolleg:innen ausgeübt wurde, und der generellen Arbeits­marktlage in der Region erklären. Es besteht ein akuter Mangel an Arbeitskräften im Logistik­sektor, so dass die bei Amazon Entlassenen auch andere Beschäftigung im Logistikcluster fin­den konnten. Als wir an diesem Morgen vor dem Airhub Zeitungen verteilten, wurden wir durch das Management freundlich, aber doch unter Drohungen vom Parkplatz gebeten – ver­bunden mit dem Hinweis, beim nächsten Mal die Geschäftsleitung um Erlaubnis zu fragen. Wir positionierten uns daraufhin an der nahegelegenen S-Bahn-Station, wo wir mit Kolleg:in­nen der Amazon-Paketverteilstation und anderer Logistik- und Onlinehandelsunternehmen ins Gespräch kamen. Die Kolleg:innen von der IP suchten den Kontakt zu den LKW-Fahrern, die ihre Trucks unweit des Airhubs geparkt hatten. Viele von ihnen sprechen polnisch. Sie be­schwerten sich unter anderem über die Bedingungen auf dem Parkplatz und insbesondere über fehlende Sanitäreinrichtungen.

21. September: Sülzetal

Nachmittags schlugen wir am Amazon Warenlager Sülzetal bei Magdeburg auf. Der Standort ging im August 2020 ans Netz, knapp über tausend Arbeiter:innen sind dort beschäftigt. Wäh­rend Amazon in Leipzig Standorte schließt oder verkleinert, entstehen deutschlandweit neue Standorte. Bisher gibt es in Sülzetal keine starken Gewerkschaftsstrukturen und auch keine Streiks. Wir nahmen jedoch bei der Zeitungsverteilung ein starkes Interesse der Belegschaft wahr. Viele freuten sich über die Ausgaben in Arabisch und Tigrinya. Nachdem wir dem et­was überfordertem Manager versichert hatten, dass wir Amazon-Arbeiter:innen sind und nicht von ver.di, ließ er uns die Zeitung auf dem Firmengelände verteilen. Wir hoffen, dass wir Kolleg:innen für die gewerkschaftliche Arbeit interessieren konnten und dass ver.di lokal dort künftig öfters vorbeischauen wird.

21. September: Bad Hersfeld

Am Abend schauten wir auf einen Plausch mit Amazon-Kolleg:innen aus Bad Hersfeld beim ver.di-Bundeskongress vorbei und überreichten ihnen einen Karton mit der Zeitung. Auf dem Bundeskongress wurde der Arbeitskampf bei Amazon häufig in Reden erwähnt. So gab es mehrere Solidaritätsbekundungen mit Rainer Reising. Am 19. September hatte dieser seine Verhandlung gegen die außerordentliche Kündigung bei Amazon Achim vor dem Arbeitsge­richt Verden verloren. Die Kündigung war wegen vermeintlichem Arbeitszeit- und Spesenbe­trug im Zusammenhang mit einem Besuch bei Bundesarbeitsminister Hubertus Heil erfolgt. Rainer wird allerdings in die nächste Runde gehen. Unerschüttert traf er abends in Berlin an und schloss sich der Tour an.

22. September: Berlin

Freitags trafen wir uns mit dem ver.di-Sekretär Boris Bojilov am S-Bahnhof Birkenstein, um zusammen zur Paketverteilstation Hoppegarten am Rand der Stadt zu fahren. Seit ungefähr ei­nem Jahr läuft eine Kampagne zur Organisierung der Amazon-Paketverteilstationen in und um Berlin. An mehreren Standorten sind Betriebsgründungen im Gange und Vertrauensleute­körper im Entstehen. Rufe nach Streik werden laut von Arbeiter:innen, die als schwer organi­sierbar gelten, Geflüchtete und Leiharbeiter:innen. Im The Amazon Worker konnten sie etwas über die Erfahrungen des Betriebsrats an der Paketverteilstation Wunstorf bei Hannover er­fahren sowie in einem Beitrag von einem US-amerikanischen Kollegen lesen, was die beson­dere Produktionsmacht von Paketverteilstationen ausmacht.

Boris und die Betriebsräte aus Achim und Dortmund konnten direkt vor Ort rechtliche Fra­gen beantworten und Kontakte austauschen. Begleitet wurden wir außerdem von zwei Kolleg:innen von ›Berlin vs. Amazon‹ (https://berlinvsamazon.noblogs.org/ externer Link). Die Gruppe or­ganisiert Proteste gegen die Errichtung des neuen Amazon-Towers in Berlin-Friedrichshain. Im Zuge der Proteste wollen sie stadtpolitische und Arbeitskampf-Forderungen zusammen­bringen. Den Aktivist:innen zufolge könnte der Tower im zweiten Quartal 2024 eröffnet wer­den.

Organizing-Projekte mit Fokus auf den Paketverteilzentren sollte es viel häufiger geben. Sie spielen bisher keine spürbare Rolle in der ver.di-Strategie, obwohl Amazon immer mehr zu einem Konkurrenten der Deutschen Post und DHL wird. Ver.di sollte die Paketverteilzen­tren beim neuen »Plan to Win« für Amazon, von dem auf dem Bundeskongress die Rede war, endlich berücksichtigen.

22. September: Swiedbodzin

Danach fuhren wir in Richtung Polen. Wir verteilten Flugblätter am Standort POZ 2 bei Swie­bodzin (dt. Schwiebus). Der Standort, der nahe an der deutschen Grenze liegt, ist bisher noch nicht gewerkschaftlich erschlossen. Was wir hier – und auch an allen anderen polnischen Standorten – bemerkenswert finden, ist der große Einsatz ukrainischer Beschäftigter, der seit dem Krieg nochmal zugenommen hat. Auch in Polen muss Amazon aktiv nach neuen Arbeits­kräften suchen. Im kommenden Weihnachtsgeschäft werden noch mehr ukrainische Leihar­beiter:innen in polnischen Warenlagern vor allem für deutsche Kund:innen Waren picken, pa­cken und stowen. Die IP widmet sich dem Thema, steht aber vor ähnlichen Herausforderun­gen wie ver.di beim Organisieren von Geflüchteten und Leiharbeiter:innen.

23. September: Poznan

Am nächsten Tag ließen wir es ruhiger angehen und fuhren nach einer Übernachtung im Haus einer Kollegin im Hinterland nach Poznań (dt. Posen). Die Kollegin erzählte uns, dass sie von ihrem Haus mit dem Pendelbus von Amazon zum Standort anderthalb Stunden braucht. Das ist nicht außergewöhnlich. Große Teile der Amazon-Arbeiter:innen in den Lagern Poznań oder Wroclaw (dt. Breslau) fahren bis zu 100 Kilometer mit den Amazon-Bussen, die jeden Tag ihre Runde über die Dörfer und Kleinstädte des Hinterlandes machen, zur Arbeit. Auch in größeren Städten Westpolens ist das Arbeitskraftreservoir mittlerweile so klein, dass Amazon auf diese Strategien der Mobilisierung von Arbeitskraft zurückgreifen muss. Weil es sonst keine öffentliche Nahverkehrs-Infrastruktur gibt, sind sie heutzutage teilweise die einzige Verbindung zwischen den Städten des Hinterlandes und den Großstädten.

Der Standort POZ 1 ist der Standort, an dem die gewerkschaftliche Organisierung durch die IP ihren Ausgangspunkt nahm. Die IP ist mit über tausend Mitgliedern die größte Gewerk­schaft bei Amazon Polen. Es gibt aber noch drei weitere Gewerkschaften, die in den Amazon-Standorten vertreten sind, unter anderem die Solidarnosc.

Abends besuchten wir das politische Wohn- und Kulturprojekt Rozbrat in Poznan, das seit Jahren um sein Fortbestehen kämpft, nun aber langfristig gesichert sein könnte, nachdem die Bewohner:innen das Haus gekauft haben. Hier trafen wir Magda Malinowska, deren Foto das Deckblatt der Zeitung ziert. Die langjährige Aktivistin bei Amazon war im September 2021 entlassen worden, nachdem sie im Rahmen ihrer gewerkschaftlichen Tätigkeit den Körper ei­nes während der Arbeit verstorbenen Kollegen fotografiert hatte. Erfreulicherweise erfuhren wir Ende Oktober, dass Magda ihren Prozess gegen Amazon gewonnen hat und wieder einge­stellt werden muss. [1]

24. September: Wroclaw

Am nächsten Morgen fuhr die deutsche Delegation nach Wroclaw, um mit den dortigen IP-Kolleg:innen zusammenzutreffen. Wir verteilten Zeitungen am Standort WRO2, der direkt neben dem Standort WRO1 liegt. An Letzterem hatte die IP dieses Frühjahr die Streikabstim­mung gewonnen (siehe express 6/2023, S. 16). Nur wenige hundert Meter weiter ist der Orga­nisationsgrad deutlich geringer, was wir mit dem Verteilen ändern wollten. Für die Deutschen gestaltete sich die Kommunikation mit den polnischen Arbeiter:innen schwierig, da wir nur über rudimentäre Polnischkenntnisse verfügen. Vereinzelt konnten wir auf Englisch Gesprä­che führen.

25. September: Okmiany

Am letzten Tag der Tour besuchten wir den Standort in Okmiany in der Nähe von Chojnów (deutsch: Haynau). Hier wurde der deutsche Teil der Delegation nicht auf das Betriebsgelände gelassen, weswegen wir uns mit unserem Transparent an der Zufahrtsstraße positionierten, wo wir gut für die Pendelbusse und PKW sichtbar waren. Viele Kolleg:innen lächelten uns zu und drückten anerkennend auf die Hupe. Die Pendelbusse fuhren extra langsam, so dass die Pendler:innen das Transparent lesen konnten. Diese positiven Reaktionen waren nicht ganz überraschend. Im Standort herrscht großes gewerkschaftliches Interesse, wie uns die IP-Kol­leg:innen berichteten. Wie schon an den anderen Standorten hatten sie die Vormittage vor den Verteilaktionen von ihrem gewerkschaftlichen Präsenzrecht Gebrauch gemacht und in der Kantine mit einem Stand für die Gewerkschaft geworben. Nach diesem letzten Auftritt trenn­ten sich die polnischen und deutschen Kolleg:innen wieder. Wir fuhren, reich an spannenden Erlebnissen, zurück nach Leipzig. Wir waren uns auf der Rückfahrt und den Abenden zuvor alle einig, dass dies nicht die letzte Tour dieser Art gewesen sein wird. Warenlager, die be­sucht werden sollten, gibt es reichlich. Wir werden uns nun erstmal erholen und Anfang nächsten Jahres für neue Planungen zusammensetzen.

Bericht vom Streiksolibündnis Leipzig in express – Zeitung für sozialistische Betriebs- und Gewerkschaftsarbeit 11/2023

Das Streiksolibündnis Leipzig besteht aus Unterstützer:innen und Amazon-Vertrauensleuten und fördert seit 2013 den Arbeitskampf bei Amazon in Leipzig, deutschlandweit und transnational.

Anmerkung

1) Mehr Information über den Fall um Magda findet ihr hier: https://www.crossbordertalks.eu/2023/10/13/magda-malinowska/ externer Link

Siehe dazu auch:

  • Die Amazon-Karawane
    Im September 2023 besuchten die Amazon Workers International (AWI) Standorte des Unternehmens in Deutschland und Polen. Gemeinsam mit ihren Unterstützer*innen verteilten sie die neu erschienene Zeitung „The Amazon Worker“. Die Zeitung ist in sieben Sprachen erschienen, um so viele Menschen aus der diversen Belegschaft von Amazon wie möglich zu erreichen. Damit wollen die Amazon Workers International zeigen, dass sich die Arbeiter*innen über die Grenzen hinweg in ihren Forderungen nach besseren Arbeitsbedingungen einig sind.
    Mit der Musik von Christian Krähling, einem leider bereits 2020 verstorbenen Mitglied der Amazon Workers International, folgen wir der Karawane, die sechs Tage dauerte und an neun Amazon Standorten entlang der deutsch-polnischen Grenze halt machte.“ Video bei labournet.tv externer Link (engl/polnisch/dt mit dt. UT | 12 min | 2023)

Siehe zum Hintergrund im LabourNet:

Kurzlink: https://www.labournet.de/?p=216308
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