»Viele Unternehmen arbeiten mit allen Tricks«. Ein Gespräch mit dem Gewerkschafter Christoph Schink (NGG) über gewerkschaftliche Arbeit in der Gastronomie

[Schwarzer Freitag, 13. März 2020] Proteste gegen Starbucks, McDonald’s und Co. gegen Betriebsratsbekämpfung und Lohn-DumpingBeschäftigte, die in kleineren Kneipen und Restaurants arbeiten, sind seltener gewerkschaftlich organisiert als Arbeitskräfte in der Systemgastronomie. Viele Gastronomiebetriebe versuchen zudem, die Gründung von Betriebsräten zu verhindern. (…) Viele Kellnerinnen und Köche sind keine Kellnerinnen und Köche mehr, weil sie sich inzwischen beruflich umorientiert haben. Sie haben gemerkt, dass sie mit dem Kurzarbeitergeld nicht über die Runden kommen. 60 Prozent von wenig Geld sind eben sehr wenig Geld. Diejenigen, die noch da sind, stellen fest, dass sie, wenn sie zuvor bereits für zwei gearbeitet haben, jetzt sogar für drei arbeiten müssen, weil Kolleginnen und Kollegen fehlen. (…) Mehr Personal wird es in der Gastronomie nur geben, wenn die betriebliche Praxis sich ändert, und für die sind maßgeblich die Unternehmen verantwortlich…“ Interview von Philipp Idel in der Jungle World vom 15.07.2021 externer Link – siehe weitere Zitate daraus:

„… Die Schwarzarbeit müsste abgestellt werden, es müsste mehr Tarifbindung und höhere Löhne geben. Zudem müssten die Arbeitszeiten besser geregelt werden. In vielen Betrieben bräuchte es zum Beispiel endlich verlässliche Dienstpläne, damit die Beschäftigten wissen, wann sie nächste Woche ar­beiten, und ihren Feierabend ordentlich planen können. Es müsste auch Schluss sein damit, dass Arbeitgeber wie selbstverständlich sagen: Es sind noch Gäste da, du kannst noch nicht nach Hause gehen, obwohl deine Arbeitszeit eigentlich vorbei ist. (…) Die Arbeitgeber wollen eine völlige Entgrenzung der Arbeitszeit. Sie fordern zum Beispiel, dass 13-Stunden-Tage legalisiert werden. Dabei sollten die Unternehmen spätestens jetzt gemerkt haben, dass die Beschäftigten im Zweifelsfall mit den Füßen abstimmen und die Branche verlassen. (…) Wir werden in diesem Bereich sicherlich nicht den Organisationsgrad erreichen, den wir in der Zuckerindustrie haben. Das liegt auch daran, dass viele Auseinandersetzungen mit dem Arbeitgeber scheuen, weil sie eher die positiven Seiten ihrer Arbeit sehen, zum Beispiel dass sie anderen einen schönen Abend machen können. Das ist ein bisschen wie bei Pflegekräften, die häufig zuerst an das Wohl der Pflegebedürftigen denken und nicht an sich selbst. (…) Es hilft nicht, den Leuten zu sagen, sie hätten ein Problem. Sinnvoller ist es, zu fragen: Mensch, schau dich doch mal um, wie viele Menschen über 50 arbeiten denn hier? Was meinst du, woran es liegt, dass das nur so wenige sind? Meinst du, du hältst es lange durch, 13, 14 Stunden am Tag durchzukloppen, und das häufig sieben Tage pro Woche? (…) Erst kürzlich gab es einen Fall in Nürnberg, wo ein Vapiano-Restaurant geschlossen wurde, nachdem ein Betriebsrat gewählt worden war. Das Restaurant soll bald wiedereröffnet werden, dann aber ohne Betriebsrat. Grundsätzlich arbeiten viele Unternehmen mit allen Tricks, um die Bildung von Betriebsräten zu verhindern oder ihnen das Leben schwer zu machen...“

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